Hitler schäumte. So sehr, dass er die führenden NSDAP-Funktionäre einbestellte. Eine Tagesordnung für den 14. Februar 1926 gab es nicht; in der Einladung nach Bamberg hieß es lediglich, es sollten einige „wichtige Fragen“ angesprochen werden. Tatsächlich wollte der Parteichef, der sich bereits seit Herbst 1922 als „Führer“ (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/adolf-hitler/) titulieren ließ, mal wieder aufs Ganze gehen. Es stand eine Richtungsentscheidung an. Denn im Spätsommer 1925 hatte sich die erste offene Fraktion der Hitler-Bewegung gebildet. Funktionsträger der Parteiorganisation im Norden und Westen Deutschlands gründeten eine „Arbeitsgemeinschaft der nord- und westdeutschen Gaue“; treibende Kräfte waren der Reichstagsabgeordnete Gregor Straßer, sein Bruder Otto und ein gewisser Joseph Goebbels (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/joseph-goebbels/) aus Elberfeld (heute Teil von Wuppertal). „Gestern war Straßer den ganzen Nachmittag hier“, hielt Goebbels am 21. August 1925 in seiner Tagebuchkladde fest: „Erzählte viel Trauriges von München. Von dieser Sau- und Luderwirtschaft in der Zentrale. Hitler ist von falschen Leuten umgeben.“ Straßer und Goebbels kamen überein, den „gesamten Westen organisatorisch“ zu bündeln. Für Anfang September waren „grundlegende Verhandlungen“ geplant. Der neue Westblock sollte eine eigene Publikation bekommen, die „Nationalsozialistischen Briefe“, ausdrücklich konzipiert als Gegengewicht zum „Völkischen Beobachter“, der Tageszeitung der Parteiführung. Goebbels machte sich selbst Mut: „Wir werden uns schon bei Hitler durchsetzen.“ Es ging der parteiinternen Fraktion nicht um einen Konflikt mit dem Parteichef oder gar einen Aufstand gegen ihn, sondern im Gegenteil um eine bessere Stellung beim „Führer“. Die Statuten der „Arbeitsgemeinschaft“ vom 9. Oktober 1925 hielten fest, man arbeite „mit ausdrücklicher Genehmigung Adolf Hitlers“. Tatsächlich strebte Gregor Straßer an, seinen Wert für Hitler und damit die eigene Rolle in der Bewegung zu steigern; Goebbels erkannte das: „Er hat bestimmt einen kleinen Ehrgeiz, wenn er auch immer das Gegenteil behaupten mag.“ Dabei verfügte Straßer schon über eine vergleichsweise enge Beziehung zum Parteichef, im Gegensatz zu seinem Bruder Otto, der erst am 20. November 1925 in die NSDAP eingetreten war – dem fünf Jahre älteren Gregor zuliebe. Ottos politischer Weg glich einer Achterbahn zwischen links und rechts: Er hatte sich 1920 als Anführer einer regierungstreuen Miliz an der Niederschlagung des reaktionären Kapp-Putsches beteiligt, war danach in Konflikt mit der pragmatischen Mehrheits-SPD gekommen, weil er deren Vorgehen gegen Linksradikale zu scharf fand. Anschließend wechselte er von einem Extrem des politischen Spektrums auf das andere. Doch ihm ging es nicht um Hitler, sondern um eine Arbeiterpartei jenseits der marxistischen Tradition der SPD (und der KPD). „Nationaler Sozialismus“ Goebbels wiederum, der Verbündete der Straßer-Brüder, hatte eigene Interessen. Der 1922 mit der enttäuschenden Note rite promovierte Germanist suchte nach seinem künftigen Platz. Das bescheidene Auskommen als Parteifunktionär verdankte er seinem Mentor Gregor Straßer. Zugleich strebte er nach einem eigenen Kontakt zu Hitler, dem er am 6. November 1925 erstmals persönlich begegnete. Anderen NSDAP-Funktionären der „Arbeitsgemeinschaft Nordwest“ waren die politischen Inhalte der Gesamtpartei wichtiger. Ihnen schien das 1920 verkündete Parteiprogramm zu vage, denn sie hingen dem „Sozialismus der Schützengräben“ an, einem von der Generation der Frontveteranen des Weltkriegs 1914 bis 1918 vielfach geteilten Gemeinschaftsgefühl. Am 22. November 1925 trafen sich die Mitglieder der Fraktion in Hannover. In einem Referat präsentierte Gregor Straßer seine Vorstellungen, die vielfach die 25 Punkte des offiziellen Programms aufgriffen, aber präziser fassten. Zugleich dokumentierte der Entwurf eine schier unglaubliche Naivität: In Deutschland solle es künftig „in hohem Maße Naturalentlohnung“ statt Geld geben, schlug Straßer vor. Trotzdem sah er zwei Währungen vor, eine nur national gültige „Arbeitsmark“ und eine frei konvertierbare, goldgedeckte „Auslandsmark“. Nach allen bereits damals wohl vertrauten volkswirtschaftlichen Prinzipien wäre das ein sicherer Weg in eine wirtschaftliche Katastrophe gewesen. Nicht der einzige vollkommen unrealistische Ansatz: Grund und Boden wollte Straßer komplett sozialisieren. Eigentum würde dann nicht mehr erworben werden können; Gebäude dagegen sollten käuflich und verkäuflich bleiben. Eine Massenenteignung wäre die angestrebte Folge gewesen; ihr sollte eine Bodenreform folgen, bei der bisherige Landarbeiter „Lehen“ erhalten würden, für die sie fortan Pacht zahlen müssten. Ferner träumte Straßer von der mehr oder minder halben Verstaatlichung aller Industriebetriebe. Lebenswichtige Unternehmen sollten künftig zu 30 Prozent dem Reich gehören, also faktisch der Reichsregierung und ihrer Bürokratie, zu zehn Prozent der Belegschaft, zu sechs Prozent der jeweiligen Region und zu fünf Prozent der Kommune. Strategisch unbedeutende Zweige würden ebenfalls zu 30 Prozent dem Reich und zu den zehn Prozent der Belegschaft zufallen, aber nur zu fünf Prozent der Region und zu vier Prozent der Kommune. Die verbleibenden 49 oder 51 Prozent würden weiterhin den bisherigen Gesamteigentümern verbleiben. Das war ein Programm, das weit über die zeitgleiche „Neue Ökonomische Politik“ der russischen Bolschewiki hinausging. Lenin hatte sie angesichts des totalen Scheiterns kommunistischen Wirtschaftens schon 1921 verkündet; in Kraft blieb dieses Konzept bis 1928, als sich Stalin nach internen Machtkämpfen durchsetzte und die künftige sowjetische Planwirtschaft etablierte. Jedoch wusste Straßer von diesen Vorgängen in Moskau höchstwahrscheinlich gar nichts. Anfang Januar 1926 bekam Gottfried Feder, völkischer Theoretiker, Mitbegründer der NSDAP und der Erfinder des Schlagwortes „Brechung der Zinsknechtschaft“, ein Exemplar des vertraulichen Programmentwurfs zugespielt – und tobte. Straßer warnte seinen Mitstreiter Goebbels, Feder sei „über die Verbreitung ohne Hitlers und sein Wissen wütend“. Eine Konfrontation mit dem „Führer“ wollte der Kopf der „Arbeitsgemeinschaft“ unbedingt vermeiden, deshalb riet er Goebbels: „Auf jeden Fall muss in einem Rundschreiben darauf hingewiesen werden, dass es sich um eine unverbindliche Sammlung von Punkten durch geistig dazu geeignete Parteigenossen handelt, nicht um offiziell feststehende Änderungen oder Neuheiten. Daher Diskretion.“ Die Mitglieder der „Arbeitsgemeinschaft“ trafen sich am 24. Januar 1926 in Hannover. Jedoch erschien, wiewohl nicht eingeladen, Gottfried Feder. „Zinsknecht, Aufwertungskaktus und erster Programmatiker der Bewegung“, notierte Goebbels – und ahnte, was passieren würde. „Ach du lieber Gott, was wird das morgen geben.“ Die Besprechung wurde tatsächlich turbulent. Gegen Feders erbosten Widerspruch beschloss man eine überarbeitete Version des „Dispositionsentwurfs“. Goebbels und Feder lieferten sich ein Rededuell, nach dem sich der Straßer-Vertraute (fraglos der weit bessere Rhetoriker) als Gewinner wähnte: „Wir haben gesiegt.“ Ein Irrtum. Hitler reagierte empört und beorderte die führenden NSDAP-Funktionäre umgehend zum Rapport nach Bamberg. Noch hoffte Goebbels auf einen Erfolg und notierte, die Arbeitsgemeinschaft werde „Hitler auf unser Terrain locken“ können. Ein weiterer Irrtum. Das interne Treffen fand am Sonntag, dem 14. Februar 1926, im Wirtshaus „Zum Stöhren“ statt. Laut einem Bericht der Polizei (seinerzeit verfolgten Beamte in Zivil routinemäßig die Versammlungen extremer Parteien) nahmen 60 bis 65 Mitglieder teil. Hitler sprach ab 12.30 Uhr. Einer stark gerafften Fassung der schier endlosen Rede zufolge, die der „Völkische Beobachter“ am 26. Februar druckte, ging es vor allem um die üblichen Themen jeder Hitler-Rede: die „außenpolitische Not“ Deutschlands, den „Todfeind“ Frankreich und das Ziel, „aus dem 60-Millionen-Volk von Heloten ein 60-Millionen-Volk von Helden“ zu machen. Insofern nichts Ungewöhnliches. Ein weiteres Thema allerdings überraschte: Hitler griff die seinerzeit politisch breit diskutierte Frage der Fürstenenteignung auf, zu der im März 1926 ein Volksbegehren angesetzt war. Hierzu machte der Parteichef zwei klare Ansagen: „1. Wir verlangen, dass den Fürsten nichts gegeben wird, was ihnen nicht gehört. 2. Wir dulden nicht, dass ihnen genommen wird, was ihnen gehört.“ Das war brisant, denn nur zehn Tage zuvor hatte Gregor Straßer im „Völkischen Beobachter“ einen langen Text veröffentlicht, der die von SPD und KPD geforderte Fürstenenteignung klar unterstützte. „Ein Reaktionär“ Die Rede des Parteichefs beeindruckte Goebbels wenig: „Welch ein Hitler? Ein Reaktionär? Fabelhaft ungeschickt und unsicher.“ Doch nach ihm sprach sein Konkurrent – und versagte auf ganzer Linie: „Stockend, zitternd, ungeschickt, der gute, ehrliche Straßer!“, notierte der enttäuschte Gefolgsmann. Hitler setzte sich durch und verhinderte, dass der Programmentwurf der „Arbeitsgemeinschaft“ überhaupt besprochen wurde. Am 5. März 1926 musste Straßer kapitulieren; in einem Brief an alle Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft schrieb er: „Aus ganz bestimmten Gründen sehe ich mich veranlasst, an Sie die dringende Bitte zu richten, den Ihnen seinerzeit von Elberfeld aus übersandten sogenannten Straßerschen Programmentwurf sofort wieder an meine Adresse zurücksenden zu wollen.“ Er habe sich Hitler gegenüber „verpflichtet, die restlose Hereinholung des Entwurfes zu veranlassen“. Doch ganz gab Gregor Straßer, nun unterstützt vor allem von seinem Bruder Otto, noch nicht auf. Zwar wechselte Goebbels mit wehenden Fahnen auf Hitlers Seite, doch die völkisch-sozialistischen Brüder unternahmen in Berlin den Versuch, einen neuen „linken“ Flügel des Rechtsextremismus zu begründen. Endgültig aus der NSDAP verdrängen konnte die Parteiführung diese beiden Abweichler und ihre Gefolgsleute erst Anfang der 1930er-Jahre. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.